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Das ZDF und die Sachsen


Am 14.11.2010 um 19:30 startet das ZDF die zweite Staffel der Dokumentarreihe „Die Deutschen“ von Guido Knopp. Der Titel der ersten Folge lautet „Karl der Große und die Sachsen“. Thema werden die Sachsenkriege, der sächsische Widerstand unter Widukind und die Eingliederung des heutigen Nordwestdeutschlands in das Frankenreich sein. Laut ZDF-Website sollen auch der anschließende Aufstieg der Ottonen und die Herausbildung des Deutschen Reiches thematisiert werden.

Wie die Folgen der ersten Staffel von „Die Deutschen“ und ähnliche Dokumentationen zeigen, finden sich in diesen so gut wie immer Fehler und Oberflächlichkeiten. Zu befürchten ist, daß beim Thema „Sachsen zur Zeit Karls des Großen“ nicht deutlich gemacht wird, um welche Sachsen es sich handelt. Das wäre nicht nur eine Nachlässigkeit, sondern ein grober Fehler, denn es würde zu einer völlig falschen geographischen und historischen Einordnung des Gezeigten bei den (meisten) Zuschauern führen. Schade wäre es auch, wenn wie in der ersten Staffel von „Die Deutschen“ das Elbsandsteingebirge gezeigt wird während von den Sachsen des 8. und 9. Jahrhunderts die Rede ist... Daher möchte ich hier schon einmal vorab, sozusagen vorbeugend, einige Bemerkungen machen:

Die Sachsen zur Zeit Karls des Großen, auch als Altsachsen bekannt, haben nichts mit den heutigen „Sachsen“ oder dem heutigen Bundesland „Sachsen“ zu tun. Die Sachsenkriege fanden in Niedersachsen und Westfalen statt. Die (Alt-)Sachsen können als die Vorfahren der heutigen Niedersachsen und Westfalen gesehen werden, nicht jedoch als die der heutigen „Sachsen“. Es hat nie eine Abwanderung der Sachsen aus dem Gebiet des heutigen Niedersachsen und Westfalen in das Gebiet des heutigen „Sachsen“ gegeben. Egal welchen Zeitpunkt der Geschichte man betrachtet: Das Gebiet des heutigen Bundeslandes „Sachsen“ hat nie zum Siedlungsgebiet der (Alt-)Sachsen gehört und war nie ein Teil des Stammesherzogtums Sachsen. Es bildete hingegen im Mittelalter die Mark Meißen, konsequenterweise müssten die Bewohner des heutigen Bundeslandes „Sachsen“ als „Meißner“ bezeichnet werden. Erst seit dem 16. Jahrhundert bürgerte es sich als Folge einer rein dynastischen Namenswanderung ein, die Mark Meißen als „(Ober-)Sachsen“ zu bezeichnen während die ursprünglichen Sachsen zu Niedersachsen wurden.

Haben Widukind und Otto der Große „gesächselt“? Nach heutiger Begrifflichkeit müsste die Antwort  auf diese Frage „Nein“ lauten. Denn was heute im Allgemeinen als „Sächsisch“ bezeichnet wird, also der in Dresden und Leipzig gesprochene Dialekt, ist nicht die sächsische Sprache zur Zeit der Sachsenkriege und Ottonen gewesen. Aus dem Sächsisch, das die Altsachsen und die Ottonen gesprochen haben, hat sich das heutige Niederdeutsch (Plattdeutsch) entwickelt, was also die eigentliche Sächsische Sprache ist. Der heute als „Sächsisch“ bezeichnete Dialekt ist dagegen eine mit Thüringisch und Hessisch verwandte Mitteldeutsche Sprache. Nach heutiger Begrifflichkeit wären Widukind und Otto der Große also Plattsnacker. In der ersten Staffel von „Die Deutschen“ wurde betont, daß Otto der Große gesächselt habe - Sicherlich hat das bei den meisten Zuschauern völlig unpassende Assoziationen hervorgerufen... Es wäre besser gewesen, zu erwähnen, daß Otto der Große Platt gesprochen hat.

Kann Karl der Große ein Vorbild sein? Die historische Bewertung Karls des Großen schwankt zwischen „Sachsenschlächter“ und „Vater Europas“. Beides sind Extrempositionen, der Wirklichkeit nähert man sich eher mit einer differenzierteren Betrachtung. Im Nationalsozialismus wurde die Geschichte des „Sachsenschlächters“ propagandistisch ausgenutzt und die Sachsen wurden als heidnisch-gemanische Helden verherrlicht. Heutzutage neigt man dagegen zur Verherrlichung Karls des Großen als „Vater Europas“, beispielsweise in Form des jährlich verliehenen „Karlspreises“. Auch das ZDF betont in „Die Deutschen“ die Rolle Karls des Großen als „Vater Europas“, dessen Reich eine Ausdehnung besaß, die den sechs Gründerstaaten der EU von 1957 entsprach. Vergessen wird dabei, daß die Nazis recht schnell die Fronten wechselten und Karl den Großen - und nicht mehr die Sachsen - als Vorbild nahmen: Auf dem Nürnberger Parteitag 1935 wurde von Hitler persönlich die Richtung vorgegeben, Karl den Großen ab sofort als „Vater Europas“ zu bezeichnen. Die gewaltsame Einigung Europas durch Karl den Großen und seine Bekämpfung der auf Unabhängigkeit pochenden Sachsen passten offenbar besser zu Großmachtplänen und Führerstaatsprinzip. Es scheint, die alten Sachsen haben mit ihrem mehr demokratischen Gesellschaftssystem damals wie heute einen schlechten Stand als Vorbild...


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